Märchen- und Geschichtenerzählerin Sophia Berger

Sophia Berger

Geboren bin ich 1938 in Bern und aufgewachsen in Langnau. Immer lebte ich in und mit Geschichten. Unsere Mutter malte, erzählte und liess uns mit Musik aufwachsen. Sie erzählte uns Märchen und Geschichten der Völker und der grossen Dichter. So gehören Muttermilch, Musik, Malen und Märchen zu meinen frühesten Lebenserfahrungen. Ohne sie wäre mein jahrzehntelanges Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung nicht möglich geworden.

In einer Ausbildung zum Erzählen holte ich mir Kenntnis vom Hintergrund zum weltweiten Thema Märchen. Neben Wegmärchen aus der ganzen Welt sind mir seit meinem ersten Aufenthalt in Palästina (2003) Volkserzählungen aus dieser Region in hohem Masse wichtig geworden. Sie finden sich im Buch "Speak Bird Speak Again", das bis jetzt auf Arabisch, Englisch, Spanisch und Französisch erschienen ist. Hier in der Schweiz denken wir immer wieder an eine deutsche Ausgabe. Gemeinsames zweisprachiges Erzählen mit Menschen aus Palästina ermöglichen einen intensiven Kulturaustausch. Das ist für mich zu einem unerlässlichen sozial-politischen Anliegen geworden.

2005 wurden Anlässe in der Schweiz mit dem Co-Autor des Buches, Prof. Sharif Kanaana aus Ramallah, möglich. Wir alle erlebten grundlegende Einblicke in die Bedeutung der Erzählungen für die Identität des palästinensischen Volkes Neben aktuellen und vergangenen Anlässen finden Sie hier auch Hinweise auf wissenschaftliche Konferenzen in Ramallah. Sie werden von Dr. Sharif Kanaana organisiert. Hoffentlich ist dies weiterhin der Fall.

Seit 2 Jahren lebe ich in nächster Nähe von Menschen, die hier in der Schweiz Asyl beantragen. Ich höre Geschichten ihres Weges zu uns. Es sind Geschichten aus ihrer sehr unterschiedlichen Herkunft, aus ihrem eigenen kulturellen und sprachlichen Boden. Wir Freiwillige begleiten sie in ihrem für sie meist unverständlichen Alltag hier in der Schweiz. Ihre Lebenswege sind voller harter Herausforderungen, Prüfungen. Es braucht Vertrauen und Beharrlichkeit auf jedem Lebensweg, um nicht aufzugeben, um zu leben und um lebendig zu bleiben. Märchen und Volkserzählungen sprechen davon in Bildern, die alle Menschen unterschiedlich erleben. Mir selber erscheinen solche Bilder bei jedem Erzählen neu. Vielleicht gerade durch das Berndeutsch, meiner Erzählsprache.

Ein Alltag ohne Erzählen ist mir unvorstellbar. Es müssen ja nicht immer Märchen sein. Hingegen ist es sicher nicht meine Sache, den Zuhörenden Deutungen anzubieten. Ich bin selber darauf angewiesen und übergebe mich dazu oft und noch so gerne den Menschen, die über das dafür nötige fundierte Wissen verfügen.